Zuerst im Handelsblatt und dann auch in  der ZEIT erschien vor einigen Tagen  ein aufschlussreicher Artikel, der uns erzählt, dass “Finanzkrise” als Thema fast nicht besprochen wird in den Universitätsvorlesungen über Volkswirtschaftslehre. Man sollte meinen, die grösste Finanzkrise seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren würde nun, drei Jahre nach ihrem Ausbruch, zum Standardprogramm gehören. Aus der ZEIT:

Doch in den Hörsälen gibt es das gleiche Unterrichtsprogramm wie vor zehn Jahren. Die Studenten pauken Makro-Modelle ohne Finanzsektor, analysieren das Verhalten von vollständig rationalen Akteuren auf perfekt funktionierenden Märkten und zeichnen Gleichgewichtsmodelle in ihre Blöcke.

Die Finanzkrise gehört also nicht mit zum Curriculum. Das ist natürlich beängstigend, katastrophal geradezu, aber die traditionellen Modelle, die wir haben in der Ökonomie, reichen nicht, um die Finanzkrise, die uns seit 2008 plagt, zu beschreiben. Und das ist das Problem.

Und deshalb haben natürlich auch unsere Ökonomen grosse Schwierigkeiten, Lösungen zur Eurokrise, die ja eine Fortsetzung der Finanzkrise von 2008 ist, zu finden. Deshalb bekommen wir katastrophale Ratschläge, egal wo wir hinschauen. Egal ob das der Chef des Ifo Instituts Hans Werner Sinn ist, oder der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz, oder auch Ex Bundesbankpräsident Axel Weber. Die fordern das Ende der Funktion der EZB als “Lender of Last Resort” (Sinn), halten die EZB Ankäufe von Anleihen für “ordnungspolitisch” falsch and eine “Todsünde für eine Zentralbank” (Franz), und schmeissen einfach ihren Job hin, wenn der Rest Europas nicht nach ihrer Nase tanzen will (Weber). Die wollen immer noch, dass der Markt es richtet, obwohl eigentlich jeder Blinde sieht, dass ein Befolgen ihrer Ratschläge wohl erst recht in die Katastrophe geführt hätten: nämlich ein uneingeschränktes Anziehen der Anleihenpreise und die sofortige Insolvenz Griechenlands.

Allerdings – diese Ignoranz der Ökonomen vor den Tatsachen, die nicht in ihre Modelle passen, die ist nicht nur auf Deutschland beschränkt.

Und, als wäre das alles aufeinander abgestimmt, wird am Tag als dieser Artikel in der ZEIT erschien, ein neues Buch vorgestellt. Steve Keen, Professor of Economics and Finance an der Universität von Western Sidney, hat es geschrieben und stellte es vor in London. Der Titel: “Debunking Economics”. Was will er also genau über die Volkswirtschaftlehre entlarven? Ich war da und hab mir seinen humorvollen und durchaus überzeugenden Vortrag angehört und das Buch gekauft.

Darum geht es genau um die Schwachstellen, die schon oben angesprochen werden. Es gibt halt in der Realität keinen perfekten Wettbewerb oder perfekte Märkte, nur rationale Käufer und Verkäufer, und vor allem keine Gleichgewichte, alles was oben auch schon angeführt wird. Aber genau so wird Ökonomie gelehrt. Der Zeitfaktor wird nicht berücksichtigt (die Modelle sind nicht dynamisch), es gibt keine Rückkoppelungen, oder es fehlt halt der ökonomisch unbedeutende, aber sonst doch sehr wichtige Faktor Geld/Kredit.

Bullshit Detector

Wie kommt Steve Keen als Ökonomie Professor darauf, die Ökonomie anzugreifen, schliesslich hat er selber Arbeiten geschreiben, als junger Student, in der er sowohl die Abschaffung von Monopolen als auch von Gewerkschaften forderte, um die unsichtbare Hand des Marktes wirken zu lassen. (So schildert er es jedenfalls in seinem Buch.) Steve Keen meint, das liegt an seinem eingebauten “bullshit detector”. Er merkte halt, da stimmt was nicht mit den Theorien, sie sind logisch nicht nachvollziehbar, oder sind teilweise schon von den Autoren später abgeändert worden, aber stehen noch in der alten Form in Lehrbüchern. Oder es hat sich keiner die Mühe gemacht, mal die Theorien genau zu betrachten. So geht es durch das ganze Buch – interessant wohl vor allem für Wirtschaftswissenschaftler – oder solche die es werden wollen – aber auch für Laien durchaus lehrreich und unterhaltsam. (Übrigends - zufällig bespricht auch Paul Krugman diese Woche das IS-LM Modell der Volkswirtschaftslehre, das Steve Keen in seinem Buch kritisiert. Es geht im Keens Buch oft über ähnliche Themen.)

Und der grösste Kritikpunkt, das wohl entlarvendste an den Modellen ist, dass sie nicht die Krise voraussagen konnten – keiner sah irgendwelche Probleme mit riesigen Schuldenbergen die sich auftürmten, denn Schuldenberge (also die Summe and privaten und Staatschulden, für die eine Volkswirtschaft ja aufkommen muss), wie auch Geld überhaupt, wird ja vom Grossteil der ökonomischen Modelle ignoriert. Also hat Steve Keen sein eigenes Modell entwickelt (die weitere Entwicklung wird vom Institute for New Economic Thinking finanziert), und seine eigene Webseite, mit der er jetzt versucht, über die Gefahren von zu hoher Überschuldung zu warnen. Schon seit 2007, also schon eine Weile bevor das Chaos wirklich ausbrach. Damit war er einer der wenigen Ökonomen, die vor der Krise warnten.

Denn solange wie Kredite steigen, spielt die Musik, aber sobald sie aufhören, fängt das Chaos an. Sogar schon sinkende Steigerungsraten an Krediten verursachen Einbrüche an der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Es besteht eine starke Korrelation zwischen Kredit und Arbeitslosigkeit – und solange Kredit nicht gesteigert wird, gibt es Probleme.

Also, vereinfacht:

Gesamtwirtschaftliche Nachfrage = BIP + Differenz an Krediten

(Wobei Keen unterscheidet zwischen Krediten die produktiv verwendet werden – und solchen die nur der Spekulation auf höhere Preise dienen. Natürlich, das sagt er, sollte man dafür sorgen, dass nur die produktiven Kredite ausgeweitet werden – und nicht auch die spekulativen.)

Genau, es war nicht die “great Moderation” (Federal Reserve Chef Ben Bernanke), das langsame aber stetige Wirtschaftswachstum einer langen Wachstumsperiode seit den 70er Jahren, sondern vor allem das exponential gestiegenen Kreditvolumen, das in vielen Ländern für die hohen Wachstumsraten sorgte.

Jetzt haben wir den Schlamassel, was jetzt? Die Lösung, meint Keen, die Kredite abzuschreiben, und somit die Tragfähigkeit der Wirtschaft für neue Kredite zu erhöhen. Ich hab da meine Probleme mit, denn wir sehen ja gerade jetzt in Griechenland, dass, bis es zu einer Schuldenabschreibung kommt, die unverantwortlichen Kreditgeber schon lange ihre Papiere abgestossen haben, zum Besipiel an die europäische Zentralbank. Ich meine, eine geordnetere Lösung wäre durch Steuern und Abgaben zu erreichen – in denen auch die bestraft werden, die diese Insolvenz herbeiwünschen und damit verschlimmern. Denn das sind ja genug – hunderte Milliarden von Euro (brutto) sind auf die Pleite Europas mit Credit Default Swaps gewettet worden.

Allerdings, darauf angesprochen, was man denn mit den Spekulanten und Hedgefunds machen sollte, die ja genau auf solche Abschreibungen spekulieren (durch CDS), meint Steve Keen, die sollte man natürlich auch abschreiben. Richtig so! Damit sollte man schon mal anfangen, vor allem anderen. CDS einfach abschreiben und verbieten!

Also, “Debunking Economics”, ein gutes Buch für die, die ein echtes Interesse an Volkswirtschaftslehre haben, und wissen wollen, warum so vieles was von Ökonomen vorgeschlagen ist, ganz klar Senf ist.

(Übrigends, ein kleiner Tipp: Ein wohl ähnliches Buch (noch nicht gelesen) gibt es auch in Deutsch, von Wolfgang Waldner. Trugschlüsse der Volkswirtschaftslehre: Wie Professoren mit Modellen Studenten indoktrinieren und eine krisenverschärfende Wirtschaftspolitik fordern. )

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