Hier in diesem Blog geht es ja eigentlich um die Gefährlichkeit von Derivaten. Das sind Versprechungen von Marktteilnehmern, sich gegenseitig bestimmte Beträge in der Zukunft zu überweisen. So kann man Risiko ausschalten, vielleicht sogar abschaffen. Zum Beispiel helfen Interest Rate Swaps die variablen Zinskosten (grosse Kredite werden oft zum variablen Zinssätzen vergeben, die vom Leitzins abhängen) von vornherein zu begrenzen. Gegen eine Gebühr kann man seine Zinsen von vornherein auf einen bestimmten Zinssatz festlegen. Steigen Leitzinsen, erhöhen sich die Zinszahlungen nicht.

Genauso will man auch Kreditrisiken durch Credit Default Swaps aus dem Weg räumen, denn die CDS können ja auch als Kreditversicherung genutzt werden. Was bei allen Derivaten aber gleich ist – das Risiko wird nicht abgeschafft, sondern wird nur verlagert, und sogar konzentriert. Marktteilnehmer können ihr Zinsrisiko oder Kreditrisiko ausschalten, und anderen Marktteilnehmern überschreiben, haben jetzt aber ein Risiko, dass die Gegenpartei im Derivatehandel solvent bleibt. Sollte das mal nicht der Fall sein, wie bei AIG, der amerikanischen Versicherungsgesellschaft, muss der Staat einspringen. Im Fall von AIG musste AIG mit rund 200 Mrd Dollar Staatsgeldern gerettet werden, weil die Derivate spektakulär falsch bewertet wurden. Als es zum Schadensfall kam, durch die Lehman Pleite, war klar dass AIG nicht zahlen konnte. Hätte man Derivate bei AIG so bewertet, dass sie auch das wirkliche potentielle Risiko darstellen, in AIG’s Bilanz, wäre es natürlich nicht zu solchen Verwerfungen gekommen.

Nun, wie wir wissen, ist die Bewertung von Derivaten eine Ansichtssache - und das macht Derivate ja auch so wunderbar attraktiv für Banken. Denn sowohl der Käufer, als auch der Verkäufer gehen davon aus, dass die zukünftigen Zahlungen für sie profitabel sein werden. Der Verkäufer von CDS glaubt, dass es keinen Zahlungsausfall geben wird, der Käufer glaubt dass das Risiko sich verschärfen wird, eine Wette also, die Banken zu Recht den Namen Kasino Banken einträgt.

Und vor allem die Bilanzen total verfälscht. Denn das gleiche Derivat, das gleiche CDS wird beim Verkäufer in der Bilanz mit 50 bewertet, zum Beispiel, auf der Seite der Verbindlichkeiten (Passiva). Auf der Forderungen Seite der Bilanz des CDS Käufers (Aktiva) kann das Derivat mit 100 bewertet werden.

Also, gehen wir mal davon aus es gibt drei Banken, die sich gegenseitig mit CDS versichern wollen.

  1. Goldman Sachs will das Risiko von Morgan Stanley versichern. Sie verkaufen also CDS auf Morgan Stanley an Bank of America.
  2. Bank of America verkauft CDS auf Goldman Sachs an Morgan Stanley.
  3. Morgan Stanley verkauft CDS auf Bank of Amerika an Goldman Sachs.

Die Verkäufer bewerten das CDS mit je 50 Euro (Passiva) und die Käufer das gekaufte CDS mit 100 Euro (Aktiva)

Jetzt nehmen wir mal an das Risiko vergrössert sich, dass diese Banken alle Pleite machen, da man sich in der EU keine vernünftiges Ergebnis zur Rettung des Euros einigen kann.

Was passiert? Alle CDS müssen neu bewertet werden. Alle Banken werden nun folgendes machen. Sie bewerten die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre verkauften CDS auszahlen müssen nicht so hoch. Dagegen bewerten sie die Wahrscheinlichkeit bewerten, dass die gekauften CDS auszahlen werden, umso höher. Also das CDS auf Morgan Stanley wird von Goldman Sachs (Verkäufer) nach einer Berichtigung mit 60 geführt. Das CDS auf Morgan Stanley bei der Bank of Amerika (Käufer) nach einer Berichtigung mit 120). Das gleiche Finanzinstrument wird also in verschiedenen Bilanzen unterschiedlich bewerten. Dadurch, dass die Bewertung von CDS individuell vorgenommen werden kann, gibt es keine allgemeinen Regeln, wie das gemacht werden sollte. Das Fair Value Prinzip heisst, man kann sich in etwa aussuchen, wie solche Werte bilanziert werden.

Wenn alle drei Banken die Bewertung so durchführen, hat jede Bank einen Gewinn von 10 gemacht, den sie jetzt auch in ihrer Gewinn und Verlustrechnung aufzeigen kann. Also, die Wahrscheinlichkeit dass die Bank ein CDS auszahlen muss ist gestiegen. Die verkauften CDS haben jetzt einen Wert von 60 beim Verkäufer, von ursprünglich 50. Die Bewertung von CDS die gekauft wurden, sind nun um 20 gestiegen, von 100 auf 120. Damit hat jede Bank mit den 3 gleichen Derivaten (CDS auf GS, MS, und BoA) einen Gewinn von 10 gemacht. Denn für jede Bank sind die Verbindlichkeiten nur um 10 gestiegen, die Forderungen aber um 20. Nur wenn man sich die “Gewinne” genauer ansieht, merkt man, dass es sich um Luftbuchungen handelt. Diese “Gewinne” erhöhen allerdings das Eigenkapital der Bank – und sind wahrscheinlich auch Grundlage von Bonuszahlungen.

Diese Derivate verschleiern also die Bilanz einer Bank enorm, denn:

1) Das gleiche Finanzinstrument wird schon von vornherein unterschiedlich bewertet, von Käufer und Verkäufer.

2) Eine Vergrösserung des Risikos (durch Verschaerfung über die Eurokrise, z.B.) kann zu unterschiedlichen Bewertungen führen, die für jede Bank einen Gewinn verzeichnen, obwohl das Risiko für das Bankensystem insgesamt grösser geworden ist. Auch hier ist der Grund, dass es eine unterschiedliche Bewertung der gleichen Finanzinstrumente von Käufer und Verkäufer gibt.

Dass es sich hier durchaus nicht nur um eine theoretische Abhandlung handelt, merkt man wenn man sich die Berichte von FT alphaville über die Gewinne von Morgan Stanley und Bank of America anschaut. Oder auch eflation schrieb einen Bericht für das wiesaussieht Blog.

Aber, eine Bilanz wird ja nur erstellt, damit Gläubiger und Investoren wissen, wie es um die finanzielle Gesundheit einer Bank gestellt ist. Mit Derivaten wird das nun ganz unmöglich.

Wenn einer immer noch meint, diese CDS Geschichten sind nur nebensächlich in der Bankenkrise, und sind nicht die Ursache der Eurokrise, sollte sich diese Rechnungen noch mal ganz genau anschauen. Da geht es genau um diese Sachen. Eigene Derivate, die man geschrieben hat werden unterbewertet (niedriges Credit Value Adjustment) und Derivate die man gekauft hat überbewerten (grosses Debit Value Adjustment).

Das DEXIA Geheimnis – Derivate waren Schuld

Denn die Bewertungungereimtheiten waren wahrscheinlich auch der Grund dass Die Erste Bank Verluste in Millardenhöhe verzeichen musste (mit CDS). Und auch dass die DEXIA vom Staat übernommen werden musste.

Denn DEXIA, das kam am Wochenende heraus, wurde schon im Sommer 2010 von der französischen Bankenaufsicht kritisiert, da man nicht nachvollziehen konnte, wie die Bewertungen ihrer Interest Rate Swap Derivate vorgenommen werden.

Dareuber kann man nichts in den deutschen Finanzzeitungen lesen, aber es wurde in der französichen Zeitung Libération am Samstag berichtet, die Behörden hätten Vergehen wissentlich verheimlicht.

In dem bis jetzt geheim gehaltenen Bericht der französischen Finanzaufsicht ACP wurde darauf hingewiesen, dass die Bank die insgesamt 50 Mrd Euro Derivate in ihrer Bilanz hatte [von etwa 200 Mrd] diese Derivate mit unbefriedigenden Methoden bewertet hat, die nicht DEXIA-intern glaubhaft nachvollziehbar waren. Zusätzlich sagen die französichen Bankenaufseher, dass man das bewusst gemacht habe. Also, in der DEXIA Bank selber hat man intern diese Bewertungsmodelle nicht überprüfen wollen. Das hatte zur Folge, dass  Derivate falsch bewertet werden, und man das Eigenkapital deshalb mit mindestens 2 Mrd Euro überbewertet hat. [Das Eigenkapital der DEXIA waren rund 19 Mrd, laut letztem Jahresbericht]

Zusätzlich werden schwere Vorwürfe an den Vorstand der Dexia erhoben, der diese Vorgehensweise angeblich vorsätzlich vertuscht habe, und dass diese Verwerfungen nicht von der Börsenaufsicht publik gemacht wurden.

Man wirft DEXIA ein Versagen des Vorstands insgesamt vor.  Insbesondere ein Chef einer DEXIA Tochter wird kritisiert, die z.T. gegen das Bankengesetz gehandelt haben soll  – indem er falsche Informationen an die Bankenaufsicht zur Bewertugnsmethoden von Derivaten weitergab.

Libération meint sowas sollte doch den Staatsanwalt interessieren.

Ich meine das sollte vor allem auch Journalisten und Politiker interessieren.  Was ich hier schreibe, oder was FT alphaville oder Libération aufdeckt, sollte sofort Konsequenzen haben. Sofort. Es kann nicht angehen, dass Bilanzregeln intern von Insidern geschrieben werden – wie das im Moment gemacht wird. Mehr oder weniger unbehelligt von der Politik. Das grössere Risiken erst mal zu grösseren Gewinnen führen, die nur Luftbuchungen sind, das sollte jedem Politiker klar sein – und darum sollte die nächste Bundestagsdebatte und Abstimmung gehen, und nicht wie eine Euro Rettung aussehen könnte.

Das ist das grösste Problem diese Woche, nicht der Rettungsschirm. (Wie der aussehen soll, kann auch noch nächste Woche oder nächsten Monat bestimmt werden. Griechenland hat seine 8 Mrd und ist für die nächsten 3 Monate gerettet. Warum auf einmal die Eile?)

Die Politik, die Presse, aber auch Finanzexperten wie die Sachverständigen im Finanzministerium sollten sich für sowas im Detail interessieren. Das hier mal aufgeräumt werden muss, wie Derivate bilanziert werden, ist eine Aufgabe der Politik. Und der Bundesbank und der Bankenaufsicht. Das ist vielleicht nicht leicht zu verstehen, aber jeder Bundestagsabgeordnete sollte wissen, wieso Banken überhaupt so zocken können mit Derivaten: Weil es leicht ist,  die Risiken unterschiedlich zu bewerten. Dadurch sieht absolut jede Bankbilanz besser aus, als sie eigentlich ist. Vielleicht kommt man dann mal dahinter, dass wahrscheinlich das Allerbeste wäre diese Derivate endlich abzuschaffen. Damit der Zauber aufhört.

Wie gesagt, das sollte man mal vorrangig zur Eurorettung machen – die ja wirklich sehr einfach zu handhaben ist, wenn es wirklich eilen sollte. Wenn man Stephan Ewalds und Mark Auerbachs Vorschlag folgte. Die Europäische Zentralbank druckt etwas über 4.000 Euro pro Person (1,5 Billionen Euro insgesamt), gibt sie den Staaten, um Staatsschulden abzuzahlen. Klasse Idee, die Schuldenquote fällt sofort von 80% auf 66% des BIPs für Deutschland, und von 170% auf 150% für Griechenland. Die Staatsschulden in Europa wären sofort 20% kleiner, und insgesamt wohl nahe der Maastricht Kriterien um 60% des BIPs.

Kommentare

About these ads